Die brodelnden Töpfe Südafrikas

Montag, 18. April, 2016 | Medienfonds Blog

Johannesburgs Müllabfuhr streikt. Seit Tagen wachsen die Berge blauer und schwarzer Müllsäcke an den Strassenrändern der Innenstadt, manche platzen auf und giessen ihren Inhalt auf die Bürgersteige. Die Anwohner – ausschliesslich schwarzer Hautfarbe – steigen ergeben über das Weggeworfene, nicht mehr Nützliche, das Ungewollte. Die Innenstadt Johannesburgs, einst pulsierend mit Geschäften, Theatern und Galerien und bevölkert von Menschen aller Hautfarben Südafrikas, ist nicht nur für Ausländer zu einer No-Go-Zone geworden. Banden- und Kleinkriminalität sowie die Vernachlässigung des Viertels durch die Stadtverwaltung haben zu diesem radikalen Niedergang geführt.

Mehr als 25 Jahre, nachdem Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde, mögen sich manche seiner Landsleute ähnlich fühlen: ungewollt, unnütz, betrogen sogar, vor allem aber enttäuscht in ihren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nach Jahrzehnten der Apartheid. Tom Moses, der mit Nelson Mandela auf Robben Island vor Kapstadt inhaftiert war und heute Touristen durch das in ein Museum umfunktionierte Gefängnis führt, sagt über die historische Wahl von 1994: „Das Baby, das an diesem Tag geboren wurde, hat noch nicht einmal laufen gelernt.“

Ich bin nach Südafrika gereist, um nicht-südafrikanische, aber afrikanische Wissenschaftler an südafrikanischen Universitäten zu ihren Karrieren, Intentionen, Erfolgen und Misserfolgen und ihren Träumen zu befragen. Doch dass es in der grössten Wirtschaftsmacht Afrikas südlich der Sahara in allen Töpfen brodelt, ist schwer zu ignorieren. Eben erst überstand Präsident Jacob Zuma nur knapp ein Amtsenthebungsverfahren im Parlament, nachdem ihn das Verfassungsgericht für schuldig erklärt hatte, Staatsressourcen für private Zwecke verwendet zu haben. Mandelas Partei African National Congress (ANC), die das Apartheid-Regime erfolgreich bekämpft hatte, ist noch immer stark in Südafrika, vor allem auf dem Land, aber in der urbanen Mittelschicht regt sich der Unmut.

Im Oktober protestierten Studierende gegen die Erhöhung von Studiengebühren – aber eigentlich war die Erhöhung nur der Auslöser für die Proteste. Hohe ANC-Funktionäre, einschliesslich des Präsidenten, gelten als korrupt. Die Partei hat ihre Wahlversprechen nicht gehalten. Die Wirtschaft des Landes schwächelt. An den Hochschulen studieren noch immer zu wenige schwarze südafrikanische Studenten (die, die es geschafft haben, sind in einer privilegierten Position), lehren und forschen noch immer zu wenige schwarze südafrikanische Akademiker.

Die Regierung will, dass ihre Universitäten sich internationalisieren und damit auch „afrikanisieren.“ Meine Interviewpartner, die afrikanischen Wissenschaftler aus der Region, erfüllen beide Kriterien und sind damit, zumindest bis die Positionen mit Südafrikanern besetzt werden können, willkommen im Land. Ich habe eine kenianische Chemikerin, die jahrelang eine Fakultät an der University of Johannesburg leitete, gefragt, ob sie als Frau und Ausländerin in ihrem Beruf je Diskriminierungen erfahren hat. Nein, war sie überzeugt. „Ich werde in von der Regierung einberufene Kommissionen geholt, nicht nur weil ich beruflich erfolgreich bin, sondern genau weil ich schwarz, eine Frau und Ausländerin bin. Ich erfülle sämtliche Kriterien.“

Wie auch andere Länder der Welt geht Südafrika mit seinen Migranten selektiv um, könnte man daraus schliessen: Die gut Ausgebildeten sind willkommen, solange sie eine Lücke füllen und zur Wertschöpfung beitragen. Die Wirtschaftsflüchtlinge, wie sie etwa aus den Nachbarländern Mosambik und Zimbabwe nach Südafrika strömen, sind weniger wohl gelitten. Er sei sofort als Nicht-Südafrikaner zu erkennen, erzählte mir so mancher Taxifahrer, daraus folgend sei ihm Prügel oder Schlimmeres angedroht worden. Er sei ständig auf der Hut. Dabei wolle er nur ein halbwegs sicheres Einkommen und eine Zukunft für seine Kinder.

Die Stelle, wo Cecil Rhodes thronte.

Die Stelle, wo Cecil Rhodes thronte.

Ich konnte mich überzeugen: Die University of Cape Town hat die Statue des britischen Kolonialisten und überzeugten Rassisten Cecil Rhodes tatsächlich entfernen lassen. Auf Druck der – schwarzen – Studenten. Sie empfanden die Statue als ein Symbol weisser Unterdrückung. Ein Ministeriumssprecher sagte, dieser Schritt kennzeichne “einen bedeutenden Wandel, dass das Land mit seiner hässlichen Vergangenheit auf eine positive und konstruktive Weise umgehe.”

Die Müllmänner Südafrikas haben noch einiges zu tun.

Text und Bild von Anja Bengelstorff, April 2016, Südafrika

Unterstützt vom Medienfonds arbeitet Anja Bengelstorff an einem Beitrag zum Thema „Afrikanische Akademiker und ihr Kontinent“ für die WOZ.

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