Jahresbericht 2025 und Perspektiven

Für «real21 – Die Welt verstehen» markierte 2025 die Rückkehr zum Vollbetrieb. Prioritär blieb der Medienfonds, der Reportagen über «vergessene» oder gar «verdrängte» Welten und Entwicklungen durch finanzielle Unterstützung ermöglichte. Nach zweijährigem Unterbruch zeichnete «real21» zudem wieder herausragende Reportagen mit Preisgeldern aus. Gleichzeitig bot die 10-Jahres-Jubiläumsveranstaltung Gelegenheit zum Dialog zwischen Medienschaffenden, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen über die Herausforderungen einer «geschrumpften Welt» in den Deutschschweizer Medien.

Rückblick Medienfonds

Im Frühjahr und im Spätherbst hat die Medienfonds-Jury die Förderung von insgesamt 16 Reportagen beschlossen und dafür knapp CHF 50'000 freigegeben. Die Reportagen sind in den folgenden acht Medien vorgesehen: «Annabelle», «Beobachter», «brefmagazin», «Das Lamm», Magazin der NZZ am Sonntag, «NZZ am Sonntag », «Republik» und WochenZeitung «WoZ». Die Recherchen führen in den Sudan, in die Ukraine, nach Afghanistan, Tansania, in die Dominikanische Republik, nach Griechenland, Albanien, Mexiko und auf die Philippinen. Auch thematisch stehen die Projekte für Vielfalt. Sie beschäftigen sich unter anderem mit Leihmutterschaft und Menschenhandel in Europa, künstlicher Intelligenz und Waldschutz in Indonesien sowie mit der derzeit weltweit grössten humanitären Krise im Sudan. 

Von 18 von «real21» finanziell geförderten Projekten sind im vergangenen Jahr 23 Reportagen in zwölf verschiedenen Medien publiziert worden. Einzelne Projekte führten also zu mehreren Artikeln, drei davon im deutschsprachigen Ausland. Geografisch entfielen fünf Reportagen auf Entwicklungen in Lateinamerika, je drei auf Afrika und Asien, zwei auf den Nahen Osten sowie fünf auf Ost- und Südosteuropa. Erschienen sind die Reportagen in folgenden Medien: je vier in der «Republik» und in der «WoZ», je zwei in der Neuen Zürcher Zeitung und in «Reportage» sowie je eine in so unterschiedlichen Medien wie «akut», «Beobachter», «brefmagazin», «Das Lamm», «reformiert», «SRF-Wissenschaftsmagazin» und «Surprise». Im deutschsprachigen Ausland wurden Beiträge in «Falter», «Hörkombinat» und «Ö1» publiziert. 

Thematisch befassen sich die Reportagen ganz im Sinne von «real21» mit Themen und Regionen, die medial wenig Beachtung finden, obwohl sie weit über die lokalen Verhältnisse hinaus von grosser Relevanz sind. Reportagen wie «Lithiumrausch in Bosnien», «Der bittere Nachgeschmack der Cashews» in Ghana, «Eine volle Kirche als Zeichen der Hoffnung» in Syrien, «Die Münze des Teufels» über den Goldrausch in Venezuela, «Wie eine kleine Insel die Weltwirtschaft revolutionieren will» über Barbados oder «Das Schürfen für die Kriegskasse» in den Goldminen des Sudan blicken hinter die Oberfläche des Geschehens und legen Verhältnisse offen, die auch für die Schweiz von Belang sind. 

Rückblick Medienpreise  

Nach zweijährigem Unterbruch wurden die Medienpreise erstmals wieder vergeben. Der Hauptpreis ging an Sarah Fluck, Afrika-Korrespondentin von Radio SRF, für ihre Reportage «Khartum – zerstörte Lebensader des Sudan». Den zweiten und dritten Preis erhielten Manuela Enggist für die in der «Annabelle» publizierte Reportage «Viermal Nein» und Klaus Petrus für die im «Beobachter» erschienene Analyse «Der bittere Nachgeschmack der Cashews». Anerkennungspreise gingen an Helene Aecherli für «Hinter den Mauern von Sanaa», erschienen in «brefmagazin.ch», und an Marianne Kägi für «Die Schattenseiten der Jeans-Produktion in der Türkei», ausgestrahlt im «Kassensturz» von Fernsehen SRF.   

Die Jury würdigte den Hauptpreis von Sarah Fluck als Beitrag, der «sehr viel mehr als eine Kriegsreportage» über die grösste humanitäre Katastrophe unserer Zeit ist. Sarah Fluck beschreibt die Gräuel des Krieges ohne Beschönigung, aber sie zeigt auch, dass er den Stolz und die Liebe der Sudanes:innen zu ihrem Land und zu ihrer Kultur nicht zerstören konnte.   

Freuen sich über die real21-Medienpreise: Marianne Kägi, Helene Aecherli, Stephanie Hess (die den Preis stellvertretend für Manuela Enggist entgegennahm), Susanne Brunner (die den Preis stellvertretend für Sarah Fluck entgegennahm) und Klaus Petrus.


10-Jahr-Jubiläum an der Universität Zürich

Die Verleihung der Medienpreise markierte zugleich das 10-Jahr-Jubiläum von «real21». Die Nachmittagsveranstaltung ging der Frage «Geschrumpfte Welt? – Zur Auslandberichterstattung in der Schweiz» nach: Worüber wird berichtet – und worüber nicht? Linards Udris und Dario Siegen von der Forschungsstelle Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich präsentierten aktuelle Daten zur Entwicklung der Auslandsberichterstattung in Schweizer Medien. Ihre Ergebnisse zeigten: Zwar ist die Politikberichterstattung über das Ausland in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben. Die mediale Aufmerksamkeit für Länder und Regionen ist jedoch sehr ungleich verteilt. 

Die Berichterstattung in den grossen Deutschschweizer Zeitungen konzentriert sich auf immer weniger Länder, etwa die USA, Deutschland oder die Ukraine. Länder wie die DR Kongo, Libyen oder der Irak, über die schon lange nur wenig berichtet wird, finden heute noch deutlich weniger Beachtung als vor zehn Jahren. 

Die Ergebnisse der Forschungsstelle machen deutlich, wie wichtig das Anliegen von «real21» ist, Journalist:innen zu unterstützen, die mutig und kompetent über wenig beachtete Länder und Entwicklungen berichten und deren Relevanz aufzeigen – Themen also, die im alltäglichen Medienbetrieb oft untergehen. 

Die Jubiläumsveranstaltung nutzten wir auch für einen Blick zurück auf die Wirkung, die «real21» in den vergangenen zehn Jahren entfalten konnte. Mit den Unterstützungsbeiträgen wurden mehr als 120 Reportagen ermöglicht. Regional sind sie breit gestreut – von Lateinamerika über Afrika, den Nahen Osten sowie Ost- und Südosteuropa bis nach Asien. Erschienen sind sie in mehr als 39 verschiedenen Medien: sowohl in grossen Leitmedien wie der Neuen Zürcher Zeitung, der NZZ am Sonntag, dem «Magazin» oder Radio SRF als auch in der «WoZ», der «Republik», in bekannten Zeitschriften wie «Annabelle» und «Beobachter» sowie in kleineren Medien wie dem Magazin «Surprise» oder auf dem Onlineportal «Das Lamm». 

Auch thematisch ist die Vielfalt gross. Wichtige Themen wie Klimawandel und Migration wurden vielfach aus der Nähe des Geschehens in fernen Regionen eindrücklich geschildert. Aber auch Überraschendes wurde sichtbar gemacht, etwa die komplexen Verhältnisse und Lieferwege der bei uns beliebten Apéro-Häppchen Cashews. Über Grönland wurde berichtet, noch bevor US-Präsident Donald Trump mit seinen Annexierungsgelüsten die Insel in die Schlagzeilen der Weltmedien rückte. 

Die Veranstaltung bot eine ausgezeichnete Gelegenheit für den Austausch mit und unter Medienschaffenden sowie mit Vertreter:innen zivilgesellschaftlicher Organisationen, die in den von Medien oft «vergessenen» Gebieten tätig sind. Auch künftig soll die Vergabe der Medienpreise für den Austausch zwischen «real21» und Medienschaffenden genutzt werden. 

Impressionen von der Jubiläumsveranstaltung / Bilder: Jean-Pierre Ritler

Finanzielles

Nach dem Übergangsjahr 2024, als der Rückzug der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) das Aussetzen der Medienpreise nötig machte, konnte «real21» wieder den «Vollbetrieb» aufnehmen. Möglich machten dies die grosszügigen Beiträge von insgesamt CHF 270'000 der Stiftungen Volkart, Vontobel, temperatio sowie einer vierten Stiftung, die nicht öffentlich genannt werden möchte. Mit den vorhandenen Mitteln ist die Weiterführung von «real21» für die nächsten zwei Jahre gesichert.

Perspektive 2026 und darüber hinaus

Die Welt befindet sich in gewaltigen Umbrüchen. Ungewissheiten scheinen zur einzigen Gewissheit zu werden. Die Grossmächte, angeführt von den USA unter Präsident Donald Trump, prägen den Medienalltag. Gleichzeitig geraten viele für die Welt relevante Entwicklungen in Regionen und Welten in Vergessenheit, in denen die Mehrheit der Menschen lebt und in denen sich Konflikte, Kriege und Katastrophen ausbreiten. 

Hinzu kommen die Umbrüche in den Medien. Die Mittel für Reportagen über wichtige und schicksalshafte globale Entwicklungen stehen mehr denn je unter Druck. «real21» will dem mit dem Medienfonds entgegenhalten, Berichte und Reportagen ermöglichen und Journalist:innen ermutigen, in Länder aufzubrechen, auf die viel zu selten hingeschaut wird. 

«real21» will ihre Tätigkeit weiter verstärken und verstetigen. Über die neu gestaltete Webseite hat der Verein seine Sichtbarkeit deutlich verbessert. Sie bietet aktuelle Informationen über die geförderten Reportagen und macht sie für alle zugänglich. Über den im letzten Jahr neu lancierten Newsletter und über Social-Media-Plattformen wird eine breitere Öffentlichkeit über die Aktivitäten von «real21» informiert. 

 2026 sollen die Kontakte zu ähnlichen Organisationen in der Medienförderung vertieft und mögliche Kooperationen – auch über die Sprachgrenzen in der Schweiz hinaus – sondiert werden. Ziel ist zudem ein reger Austausch mit Journalist:innen, die an Reportagen im Sinne von «real21» interessiert sind. Auch die Verstetigung des Fundraisings wird ein Thema sein. 

Vorstand real21, 07. April 2026

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Medienfonds von real21 fördert acht Auslandsreportagen