Die Geschichte von den zwei Aufzügen

Freitag, 27. Mai, 2016 | Medienfonds Blog

Designer von Aufzügen sind Kosmopoliten. Überall auf der Welt schaffen sie dasselbe Szenario: Eine auf der Innenseite verchromte Kammer, in der völlig Fremde auf kleinstem Raum versuchen, einander nicht zu berühren, während sie hoffen, dass der monoton brummende Kasten endlich zum Stillstand kommt und seine Schiebetür öffnet.

Einen solchen Aufzug kann man in der im Renaissance-Stil erbauten gigantischen Kirche „Notre Dame de la Paix“ besteigen. Dort, umschlossen von Chrom, kann man leicht vergessen, dass Bananen-Plantagen und Süsskartoffel-Felder sich um das mit italienischem Marmor erbaute Gebetshaus winden. Dass die in verschwenderische Pracht gehüllte Kirche mit 7.000 Sitzen inklusive Klimaanlage, mit gigantischen Buntglas-Fenstern und mit einem riesigen goldenen Kreuz auf dem Dach die Schulden eines ganzen Landes mal eben verdoppelt hat. Das Land heisst Elfenbeinküste, der Standort dieser grössten Kirche der Welt ist Yamoussoukro. Auf dem Papier ist dies die Hauptstadt des Landes, in Wirklichkeit kaum mehr als ein Dorf mitten im Busch in Westafrika.

Anfang der achtziger Jahre hatte der ivorische Gründungspräsident Félix Houphouët-Boigny seinen bis dahin unbekannten Geburtsort Yamoussoukro im Landesinneren zur Hauptstadt erklärt. Der Autokrat wollte sich den Traum vom eigenen Denkmal erfüllen. Weil er ein gläubiger Katholik war, musste es eine Kirche sein. So liess Houphouët die mit 158 Metern höchste Basilika der Welt errichten. Sie ist 26 Meter höher als der Petersdom in Rom. Ihre Betonkuppel überragt wie ein gigantisches Ei den Urwald. Geschätzte Baukosten: etwa 300 Millionen Franken.

Mit der Instanthaltung der selten voll besetzten Kirche ist der Vatikan betraut. Warum, frage ich den Fremdenführer, der unsere kleine Gruppe von Besuchern durch die Basilika führt. Die Antwort kommt ohne Zögern und ohne den Hauch eines Zweifels. „Schwarzen kann man nicht vertrauen“, sagt er und verzieht dabei keine Miene. Er ist ein junger Mann, vielleicht Mitte 20. Von seinem Vokabular zu schliessen, hat er mehr als nur die Grundschule besucht. Er spricht fliessend Englisch. Ebenso fliessend spricht er die Sprache des Kolonialismus, wonach die Afrikaner Kinder sind, die nicht wissen, was gut für sie ist und die auf den rechten Pfad geleitet werden müssen – von den weissen Kolonialherren, selbstverständlich. Die noch nicht einmal eine Kirche selbst instand halten können. Einen so jungen Menschen derart unreflektiert über, ja, sich selbst sprechen zu hören, schockiert mich.

Basilika-Yamoussoukro

Yamoussoukro, die höchste Basilika der Welt.

250 Kilometer südlich von Yamoussoukro, zu erreichen über eine fabelhafte vierspurige Autobahn, liegt das ökonomische Zentrum der Elfenbeinküste und damit die wirkliche Hauptstadt: Abidjan. Auf jemanden, der zum ersten Mal hierher gereist ist wie ich, wirkt die Stadt wie ein Dorf im Bauzustand. Leere Flächen, die wahrscheinlich einmal Felder oder Wälder waren, sind zu Bauland geworden: Über Kilometer breiten sich Wohnsiedlungen im Rohbau aus. Auf nagelneuen Umgehungsstrassen kann man fast noch die Farbe der neu gemalten Strassenmarkierungen riechen, und an jeder Ecke wird gehämmert, gemauert und gestrichen. Hochhäuser gibt es bisher nur im Zentrum der Stadt, dem Plateau, wo sich Regierungsgebäude, Banken und Firmenzentralen befinden.

In einem dieser Hochhäuser finde ich mich erneut in einer verchromten Kammer wieder. Dieser Aufzug ist grösser und moderner als in der Basilika und transportiert Männer und Frauen in teuren Anzügen und Kostümen, die Mitarbeiterausweise der African Development Bank (ADB) an Bändern um den Hals tragen. Die Bank, deren Zentrale sich hier in Abidjan befindet, ist ein Finanzinstitut afrikanischer Länder, das helfen soll, deren wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Einige der Männer und Frauen aus dem Fahrstuhl sitzen mir für ein Interview in ihren Büros oder im Konferenzraum gegenüber. Sie tragen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften, in Statistik, in Umweltwissenschaften. Sie sind in Kenia geboren und in Burkina Faso, im Senegal und in Uganda. Der Blick auf Abidjan von hier oben, aus dem 10. Stock, ist grossartig. Nicht umsonst heisst es oft, dass erst mit Abstand das Wesentliche sichtbar wird.

Abidjan-Blick-von-der-ADB

Blick von der African Development Bank (ADB).

Auch meine GesprächspartnerInnen haben irgendwann Abstand genommen von ihrem Kontinent und sich anderswo ausbilden lassen, haben bei der Weltbank in Washington Arbeitserfahrung gesammelt oder bei internationalen Think Tanks statistische Modelle erarbeitet. Für eine regionale Institution „zu Hause“ zu arbeiten, ist für manche eine Karriereentscheidung. Doch ausnahmslos alle sagen: Hier kann ich einen echten Beitrag leisten. Ich will Teil der Transformation Afrikas sein. In Afrika fehlen gute Wirtschaftswissenschaftler. Und: „Es ist doch ein natürlicher Instinkt, dass man die Lebenssituation von Menschen verbessern möchte, die unter der Unterentwicklung des Kontinents leiden.“ Tom Owiyo, der mit fünf Geschwistern in einer Lehmhütte in Kenia aufwuchs, hält dies sogar für eine Verpflichtung. „Diese Menschen repräsentieren das Leben, das ich früher gelebt habe. Ich darf nicht versagen.“

Zwei Aufzüge im selben Land, 250 Kilometer von einander entfernt. Die Wartung des einen kann den Bürgern des Landes nicht anvertraut werden, sagt ein Bürger des Landes, dessen Selbstverständnis noch dem Kolonialismus des 20. Jahrhunderts anhängt. Der andere Aufzug transportiert Frauen und Männer, Afrikanerinnen und Afrikaner, die ihre Ausbildung und Erfahrung dazu nutzen, für die Malaise des Kontinents Verantwortung zu übernehmen. Sie sind im 21. Jahrhundert angekommen.

Text und Bilder von Anja Bengelstorff, Mai 2016, Elfenbeinküste

Unterstützt vom Medienfonds arbeitet Anja Bengelstorff an einem Beitrag zum Thema „Afrikanische Akademiker und ihr Kontinent“ für die WOZ.

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